Die Amplitude ist der Ausschlagwinkel, den die Unruh einer mechanischen Uhr bei ihrer Schwingung erreicht. Sie wird in Grad gemessen und gilt als einer der wichtigsten Anhaltspunkte für den Gesundheitszustand eines Uhrwerks. Eine gesunde Amplitude von rund 270 bis 310 Grad spricht für ein sauber laufendes, gut geschmiertes Werk. Fällt sie deutlich ab, ist das häufig ein Warnsignal.
Was die Amplitude genau beschreibt
Die Unruh schwingt in einer mechanischen Uhr ständig hin und her und gibt so den Takt vor. Die Amplitude beschreibt, wie weit sie dabei aus ihrer Ruhelage ausschlägt, bevor die Spiralfeder sie wieder zurückholt. Man kann sich das wie die Schwungweite einer Schaukel vorstellen: Je mehr Energie im Spiel ist, desto weiter schwingt die Unruh aus. Der Begriff selbst stammt aus der Schwingungslehre und bezeichnet ganz allgemein die maximale Auslenkung einer Schwingung aus ihrer Mittellage.
Ein voll aufgezogenes, gesundes Werk erreicht in den flachen Lagen, also bei liegender Uhr, typischerweise Werte zwischen etwa 270 und 310 Grad. In den senkrechten Lagen fällt die Amplitude naturgemäß etwas niedriger aus, weil dort mehr Reibung wirkt. Diese Unterschiede zwischen den Lagen sind völlig normal und gehören zur Beurteilung eines Werks dazu.
Wie die Amplitude gemessen wird
Sichtbar wird die Amplitude mit einer Zeitwaage. Das Messgerät wertet die Tickgeräusche des Werks aus und errechnet daraus neben der Gangabweichung und dem Abfallfehler auch die Amplitude. So lässt sich schnell erkennen, ob ein Werk kräftig und gleichmäßig schwingt oder ob die Schwungweite zu gering ist. Damit die Zeitwaage die Amplitude korrekt berechnen kann, muss ihr der sogenannte Hebewinkel des jeweiligen Werks bekannt sein. Ist dieser Wert falsch hinterlegt, weicht die angezeigte von der tatsächlichen Amplitude ab.
Wichtig ist, die Amplitude nie isoliert zu betrachten. Erst im Zusammenspiel mit den anderen Messwerten ergibt sich ein aussagekräftiges Bild. Eine sehr gute Gangabweichung nützt wenig, wenn die Amplitude stark eingebrochen ist, denn dann ist das Werk oft nicht mehr stabil. Umgekehrt kann eine kräftige Amplitude kleinere Ungenauigkeiten im Gang ausgleichen helfen.
Warum die Amplitude wichtig ist
Die Amplitude ist ein zuverlässiger Indikator für die Verfassung eines Werks. Ein kräftiger Ausschlag deutet auf frische Schmierung, saubere Bauteile und eine gut arbeitende Zugfeder hin. Sinkt die Amplitude dagegen ab, kann das viele Ursachen haben: verharztes Öl, Verschmutzung, eine ermüdete Zugfeder oder erhöhte Reibung im Federhaus und im Räderwerk. Typischerweise fällt die Amplitude in den hängenden Lagen um mehrere Dutzend Grad niedriger aus als bei liegender Uhr, weil dort die Zapfen der Unruhwelle stärker belastet werden.
Eine zu niedrige Amplitude ist problematisch, weil die Uhr dann anfälliger für Ungenauigkeiten und Stillstand wird. Sinkt sie im Betrieb unter etwa 200 Grad, kann das die Gangreserve und die Ganggenauigkeit spürbar beeinträchtigen. Das andere Extrem, ein Überschwingen deutlich über 320 Grad, ist ebenfalls unerwünscht, weil dann der Impulsstein der Unruh gegen den Anker schlagen kann. Dieses Anschlagen, auch Prellen genannt, führt zu einem plötzlichen Vorgehen der Uhr.
Worauf du achten solltest
Für dich als Träger ist vor allem der Verlauf der Amplitude interessant. Es ist normal, dass sie im Lauf der Gangreserve langsam absinkt, während sich die Zugfeder entspannt. Bricht die Amplitude jedoch schon kurz nach dem Aufziehen stark ein, ist das ein Hinweis darauf, dass eine Servicierung fällig sein könnte. Ein einmaliger Blick auf die Zeitwaage sagt dabei weniger aus als die Beobachtung, wie sich die Werte über die verschiedenen Lagen und über die Zeit hinweg verhalten.
Ein häufiges Missverständnis ist, dass eine höhere Frequenz automatisch eine höhere Amplitude bedeutet. Das stimmt nicht: Frequenz und Amplitude sind zwei getrennte Größen. Schnell schwingende Werke haben oft sogar etwas niedrigere Amplituden. Entscheidend ist am Ende, dass die Werte für das jeweilige Kaliber im gesunden Bereich liegen und über die Lagen hinweg stabil bleiben.