Steine im Uhrwerk: Warum Uhren Rubine haben
Auf dem Zifferblatt oder im Datenblatt vieler mechanischer Uhren steht eine Angabe wie „17 Jewels", „21 Steine" oder „25 Rubis". Für viele klingt das nach Edelsteinen und Luxus – nach etwas, das eine Uhr wertvoller macht. Tatsächlich sind diese Steine kein Schmuck, sondern kleine, hochbelastbare Lager. Sie erfüllen eine ganz nüchterne technische Aufgabe.
In diesem Beitrag klären wir, warum überhaupt Steine in einem Uhrwerk stecken, aus welchem Material sie bestehen und wie viele davon in einem typischen Werk sitzen. Außerdem räumen wir mit einem hartnäckigen Missverständnis auf: Mehr Steine bedeuten nicht automatisch eine bessere Uhr.
Warum Steine in ein Uhrwerk kommen
Ein mechanisches Werk läuft nie still. In seinem Inneren drehen sich winzige Achsen – die Zapfen der Räder – tausende Male pro Stunde. Wo sich Metall auf Metall bewegt, entsteht Reibung, und Reibung bedeutet Verschleiß und Energieverlust. Genau hier kommen die Steine ins Spiel.
Steine sind extrem harte, glatte Lager. In sie hinein laufen die feinen Zapfen der Räder. Weil das Steinmaterial sehr hart und glatt ist, entsteht kaum Abrieb, die Reibung bleibt gering, und das Öl hält sich besser an Ort und Stelle. Das schont das Werk über viele Jahre und hilft ihm, gleichmäßig zu laufen. Besonders wichtig ist das im Bereich von Hemmung & Unruh, wo die Belastungen am höchsten sind. Ohne solche Lager würden die weicheren Metallteile an den Kontaktstellen mit der Zeit ausschlagen, das Werk liefe unruhiger und verschliße schneller.
Warum ausgerechnet Rubine?
Die Steine bestehen fast immer aus Rubin, genauer gesagt aus dem Mineral Korund. Korund ist eines der härtesten Materialien überhaupt – auf der Mohs-Härteskala erreicht er den Wert 9 und liegt damit direkt unter dem Diamanten mit 10 – und lässt sich zugleich sehr glatt polieren. Beides ist ideal für ein langlebiges, reibungsarmes Lager.
Früher verwendete man dafür tatsächlich natürliche Rubine, Saphire oder Granate – entsprechend teuer war das. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts lassen sich Rubine jedoch synthetisch herstellen. Diese im Labor gezogenen Steine sind chemisch nahezu identisch mit natürlichen, aber sehr viel günstiger und gleichmäßiger in der Qualität. Deshalb sind die „Rubine" in deiner Uhr heute praktisch immer synthetisch. Ihr Wert liegt in der Funktion, nicht im Material.
Welche Arten von Steinen es gibt
Nicht jeder Stein sieht gleich aus oder sitzt an derselben Stelle. Grob unterscheidet man:
- Lochsteine: durchbohrte Steine, in denen ein Radzapfen läuft. Sie sind die häufigste Art.
- Decksteine: flache Steine, die einen Lochstein nach oben abschließen – vor allem bei der Unruh, um die Achse zu führen und Öl zu halten.
- Palettensteine: die beiden Steine am Anker, die in das Ankerrad greifen und den Takt weitergeben.
- Hebelstein (Ellipse): der Impulsstein an der Unruh, der den Antrieb von der Hemmung übernimmt.
Diese Steine arbeiten alle im empfindlichsten Teil des Werks zusammen. Im übrigen Räderwerk sorgen weitere Lochsteine für einen leichten Lauf.
Steine in goldenen Fassungen (Chatons)
In manchen hochwertigen und in vielen historischen Werken sitzen die Steine nicht direkt in der Platine, sondern in kleinen, verschraubten Goldfassungen – den sogenannten Chatons. Ursprünglich hatte das einen praktischen Grund: Ein einzelner Stein ließ sich so leichter tauschen oder in der Höhe justieren, ohne die ganze Platine zu bearbeiten. Heute werden Chatons vor allem aus optischen und traditionellen Gründen verbaut. Die goldglänzenden Ringe rund um die roten Steine sind ein hübscher Kontrast und ein weiteres Zeichen für aufwendige Verarbeitung. Einen technischen Vorteil gegenüber sauber eingepressten Steinen bringt das im modernen Serienbau aber nicht.
Wie viele Steine sind normal?
Jetzt zur Zahl, um die es so oft geht. Als grobe Orientierung:
- Ein einfaches Handaufzugswerk, das nur die Zeit anzeigt, kommt klassisch mit rund 17 Steinen aus. Man spricht dann von einem „voll gelagerten" Werk.
- Ein Automatikwerk hat meist etwas mehr, oft im Bereich von etwa 21 bis 25 Steinen, weil der Aufzugsmechanismus mit Rotor zusätzliche Lager braucht.
- Werke mit Zusatzfunktionen (Komplikationen) wie Datum, Chronograph oder Mondphase können deutlich darüber liegen.
Verstehe diese Zahlen bitte nur als Größenordnung, nicht als feste Regel. Der genaue Wert hängt von der Konstruktion ab. So könnte eine klassische Aufteilung von 17 Steinen aussehen – sie variiert aber von Werk zu Werk:
| Bereich | Steine (typisch) |
|---|---|
| Unruh (Loch- und Decksteine) | 4 |
| Hebelstein / Ellipse | 1 |
| Anker (Palettensteine und Lager) | 4 |
| Ankerrad, Sekunden-, Kleinboden- und Minutenrad | je 2 |
Zählt man das zusammen, landet man bei rund 17. Sobald ein Rotor und dessen Umkehrmechanik hinzukommen, steigt die Zahl entsprechend.
Warum mehr Steine nicht automatisch besser ist
Hier liegt das größte Missverständnis. Ein Stein ist nur dann sinnvoll, wenn er an einer Stelle sitzt, an der Reibung entsteht. Ist ein Werk an allen wichtigen Punkten gelagert, bringen zusätzliche Steine keinen echten technischen Vorteil mehr.
Genau das wurde in der Vergangenheit gelegentlich ausgenutzt: Manche Hersteller verbauten Steine ohne echte Funktion, nur um mit einer möglichst hohen Zahl auf dem Zifferblatt zu werben. Eine „100 Jewels"-Uhr ist deshalb nicht hundertfach besser – im Gegenteil, viele dieser Steine tragen dann gar nichts zur Funktion bei.
Für dich heißt das: Die Steinzahl allein ist kein Qualitätsmerkmal. Ein sauber verarbeitetes Basiskaliber mit 17 oder 21 funktionalen Steinen kann über Jahrzehnte zuverlässig laufen. Viel wichtiger als die reine Zahl sind Konstruktion, Verarbeitung, Regulierung und regelmäßige Pflege. Wer Wert auf einen langen, gleichmäßigen Lauf legt, achtet besser auf eine ordentliche Revision (Service) als auf eine hohe Steinzahl.
Häufige Fragen
Sind die Rubine in meiner Uhr echte Edelsteine?
Technisch gesehen sind es echte Rubine (Korund), aber praktisch immer synthetisch hergestellt. Ihr Wert liegt in der Funktion als Lager, nicht im Material. Als Schmuckstein hätten sie keinen nennenswerten Wert.
Haben Quarzuhren auch Steine?
Manche schon, viele aber nicht. Quarzwerke haben weniger stark belastete, dauerhaft laufende Lagerstellen, daher kommen sie oft mit wenigen oder ganz ohne Steine aus. Bei ihnen sagt die Steinzahl noch weniger über die Qualität aus.
Ist eine Uhr mit mehr Steinen wertvoller?
Nicht zwangsläufig. Mehr Steine bedeuten nur dann etwas, wenn sie eine Funktion haben – etwa bei Automatik oder Komplikationen. Eine reine Werbezahl sagt nichts über Wertigkeit oder Ganggenauigkeit aus.
Warum haben Automatikuhren mehr Steine als Handaufzugsuhren?
Weil der automatische Aufzug zusätzliche bewegliche Teile mitbringt: den Rotor und die Umkehrräder, die ihn in beide Drehrichtungen nutzbar machen. Diese Stellen brauchen ebenfalls Lager.
Können Steine im Uhrwerk kaputtgehen?
Ja. Rubin ist zwar sehr hart, aber auch spröde. Ein harter Stoß kann einen Stein springen lassen, und ein gesprungener Deckstein macht sich meist durch schlechteren Gang bemerkbar. Eine Uhrmacherin oder ein Uhrmacher kann solche Steine ersetzen.
Recherchiert und geschrieben von der Redaktion von Uhren-Experte – unabhängig, werbefrei und ohne Marketing-Sprech.