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Co-Axial Hemmung: weniger Reibung, größere Serviceabstände

◷ 6 Min. Lesezeit · ✓ Von der Uhren-Experte-Redaktion geprüft · Zuletzt aktualisiert: Juli 2026 · Wie wir arbeiten

Die Co-Axial Hemmung ist eine besondere Bauart der Hemmung – also des Bauteils, das in einer mechanischen Uhr den Takt vorgibt und die Energie portionsweise freigibt. Ihr Grundgedanke lässt sich in einem Satz sagen, technisch ist er aber knifflig umzusetzen: Sie soll mit weniger Gleitreibung auskommen als die klassische Ankerhemmung. Und weniger Reibung heißt weniger Abhängigkeit vom Schmieröl.

Entwickelt wurde diese Hemmung vom englischen Uhrmacher George Daniels. In die Großserie gebracht hat sie vor allem Omega, das die Co-Axial-Hemmung über viele Jahre in zahlreichen Kalibern verbaut und schrittweise verfeinert hat. Damit ist sie heute die bekannteste Alternative zur Schweizer Ankerhemmung, die sonst in fast jeder mechanischen Uhr steckt.

In diesem Beitrag liest du, wie die Co-Axial Hemmung im Kern arbeitet, warum sie theoretisch reibungsärmer ist, woher sie stammt – und wo ihre Grenzen liegen. Ein Wundermittel ist sie nämlich nicht, auch wenn sie im Marketing gern so klingt.

Was die Hemmung in einer Uhr überhaupt macht

Damit du die Co-Axial Hemmung einordnen kannst, hilft ein kurzer Blick auf ihre Aufgabe. In einer mechanischen Uhr liefert die Zugfeder im Federhaus die Energie, das Räderwerk leitet sie weiter zur Hemmung. Ohne Bremse würde diese Energie in Sekundenbruchteilen verpuffen – die Zeiger würden einfach durchdrehen und stehen bleiben.

Die Hemmung verhindert das. Sie gibt das Räderwerk immer nur für einen winzigen Moment frei und blockiert es sofort wieder. Den Takt dafür gibt die Unruh vor, die zusammen mit der Spiralfeder gleichmäßig hin- und herschwingt. Mehr zu diesem Zusammenspiel liest du im Beitrag zu Hemmung & Unruh. Bei jeder Schwingung bekommt die Unruh von der Hemmung außerdem einen kleinen Anstoß, damit sie nicht ausläuft. Genau an dieser Kontaktstelle zwischen Hemmung und Antrieb entsteht Reibung – und hier setzt die Co-Axial-Bauart an.

Das Problem der klassischen Ankerhemmung

In der weit verbreiteten Ankerhemmung greifen die Zähne des Hemmungsrads (auch Ankerrad genannt) auf zwei kleine Steine am Anker. Diese Paletten sind meist aus Rubin. Beim Sperren und beim Anstoßen gleiten die Radzähne über die schrägen Flächen dieser Steine. Dieses Gleiten ist der springende Punkt: Es erzeugt eine vergleichsweise hohe Gleitreibung.

Reibung an sich ist nicht das eigentliche Problem, denn die Ankerhemmung ist ausgereift und läuft zuverlässig. Der Haken ist die Schmierung. Damit die Gleitflächen sauber arbeiten, brauchen sie einen dünnen Ölfilm. Öl altert aber: Es verharzt, verteilt sich ungleichmäßig oder trocknet an. Verändert sich der Ölfilm, verändert sich die Reibung – und damit tendenziell auch die Ganggenauigkeit. Deshalb gehört das Nachölen zu den Gründen, warum eine mechanische Uhr überhaupt zur Revision muss.

Wie die Co-Axial Hemmung die Reibung senkt

Die Co-Axial Hemmung ersetzt das Gleiten weitgehend durch ein Stoßen. Statt eines einzelnen Hemmungsrads arbeitet sie mit zwei Ebenen von Radzähnen auf gemeinsamer Achse – daher der Name „co-axial", also gleichachsig. Dazu kommt ein Anker mit drei statt zwei Paletten.

Der Kniff steckt in der Geometrie: Der Antriebsimpuls wird nicht mehr über eine lange, schräge Gleitfläche übertragen, sondern eher radial, also tangential angestoßen. Die Kontaktflächen sind kleiner und der Weg, den ein Zahn dabei über einen Stein reibt, ist deutlich kürzer. Weniger Gleitweg bedeutet weniger Gleitreibung – und damit ist die Hemmung weniger stark darauf angewiesen, dass genau an dieser Stelle ein perfekter Ölfilm sitzt. In der Theorie könnte die Co-Axial-Hemmung an den Impulsflächen sogar nahezu trocken laufen. In der Praxis wird trotzdem geschmiert, aber das System reagiert unempfindlicher auf die Alterung des Öls.

Merkmal Ankerhemmung Co-Axial Hemmung
Kraftübertragung überwiegend gleitend überwiegend stoßend/radial
Gleitweg an den Steinen länger kürzer
Abhängigkeit vom Ölfilm höher geringer
Verbreitung sehr hoch, Standard Nische, vor allem Omega
Aufbau ein Rad, zwei Paletten zwei Radebenen, drei Paletten

Herkunft: George Daniels und die Serienfertigung

Die Idee stammt von George Daniels, einem englischen Uhrmacher, der als einer der bedeutendsten seiner Zunft im 20. Jahrhundert gilt. Er entwickelte die Co-Axial Hemmung mit dem Ziel, eine wartungsfreundlichere Alternative zur Ankerhemmung zu schaffen. Eine Erfindung im Labor ist aber das eine – sie in gleichbleibender Qualität in Millionen Uhren zu bauen, das andere.

Genau hier liegt Omegas Verdienst: Der Hersteller hat die Co-Axial-Hemmung industrialisiert und in Serie gebracht. Das erforderte präzise Fertigung und einen langen Atem, denn die Bauart ist toleranzempfindlicher und aufwendiger herzustellen als die etablierte Ankerhemmung. Später kamen Silizium-Bauteile wie eine Silizium-Spiralfeder hinzu, die das Konzept ergänzten. Mehr dazu liest du im Beitrag zu Silizium-Bauteilen.

Was das für Service und Alltag bedeutet

Aus der geringeren Reibung leitet sich das Hauptargument ab: größere Serviceabstände. Weil die Hemmung weniger empfindlich auf alterndes Öl reagiert, kann der Abstand zwischen zwei Revisionen länger ausfallen als bei einer klassischen Ankerhemmung. Hersteller mit Co-Axial-Werken geben deshalb oft längere empfohlene Intervalle und Garantien an.

Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Die Co-Axial Hemmung senkt die Reibung an der Hemmung – nicht in der ganzen Uhr. Andere Baugruppen brauchen weiterhin Pflege. Dichtungen altern, Öle an anderen Lagern verändern sich, Schmutz sammelt sich. Eine Uhr wird durch eine reibungsärmere Hemmung also nicht wartungsfrei, sondern nur an einer wichtigen Stelle robuster. Wie so ein Service abläuft, erklärt der Beitrag zur Revision.

Ehrliche Einordnung: kein Wundermittel

Die Co-Axial Hemmung ist eine kluge, real funktionierende Lösung für ein echtes Problem. Sie ist aber kein Muss und macht eine Uhr nicht automatisch „besser". Ein paar nüchterne Punkte gehören dazu:

Die Ankerhemmung ist ausgereift, günstig und außerordentlich zuverlässig. Sie hat sich über sehr lange Zeit bewährt, und die allermeisten hervorragenden mechanischen Uhren nutzen sie. Die Co-Axial-Bauart ist komplexer, aufwendiger zu fertigen und zu justieren. Nicht jeder Uhrmacher ist auf sie eingestellt, und bei Reparaturen ist man stärker auf Ersatzteile und Know-how des Herstellers angewiesen. Und der Praxisnutzen – wie viel länger eine Uhr im Alltag tatsächlich zwischen den Services läuft – hängt von vielen Faktoren ab, nicht allein von der Hemmung.

Kurz gesagt: Die Co-Axial Hemmung ist ein technisch elegantes Merkmal, das größere Serviceabstände plausibel macht. Ein Grund, eine ansonsten passende Uhr abzulehnen, ist ihr Fehlen aber nicht.

Häufige Fragen

Was ist die Co-Axial Hemmung einfach erklärt?

Es ist eine Bauart der Hemmung, die den Antriebsimpuls eher stoßend als gleitend überträgt. Dadurch entsteht weniger Gleitreibung als bei der klassischen Ankerhemmung, und die Hemmung ist weniger auf einen perfekten Ölfilm angewiesen.

Wer hat die Co-Axial Hemmung erfunden?

Entwickelt wurde sie vom englischen Uhrmacher George Daniels. In die Serienfertigung gebracht und über Jahre weiterentwickelt hat sie vor allem Omega.

Ist eine Uhr mit Co-Axial Hemmung wartungsfrei?

Nein. Die geringere Reibung betrifft die Hemmung, nicht die ganze Uhr. Dichtungen, andere Lager und Öle brauchen weiterhin Pflege, deshalb bleibt eine regelmäßige Revision nötig – oft nur in größeren Abständen.

Ist die Co-Axial Hemmung besser als die Ankerhemmung?

Nicht pauschal. Sie ist an der Hemmung reibungsärmer und ermöglicht tendenziell längere Serviceabstände. Die Ankerhemmung ist dafür ausgereift, günstiger und von jedem Uhrmacher wartbar. Beide Bauarten laufen sehr zuverlässig.

Warum nutzen nicht alle Hersteller die Co-Axial Hemmung?

Sie ist aufwendiger zu fertigen und zu justieren und in der Praxis eng mit dem Know-how eines einzelnen Herstellers verbunden. Die Ankerhemmung ist Standard, breit verfügbar und überall reparierbar – für die meisten Marken bleibt sie deshalb die naheliegende Wahl.

Recherchiert und geschrieben von der Redaktion von Uhren-Experte – unabhängig, werbefrei und ohne Marketing-Sprech.