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Amplitude und Abfallfehler: Was die Schwungweite der Unruh verrät

◷ 5 Min. Lesezeit · ✓ Von der Uhren-Experte-Redaktion geprüft · Zuletzt aktualisiert: Juli 2026 · Wie wir arbeiten

Wenn Uhrmacher über den Zustand eines Werks sprechen, fällt schnell das Wort Amplitude. Gemeint ist damit die Schwungweite der Unruh – also wie weit das kleine schwingende Rad im Inneren deiner Uhr bei jeder Bewegung ausschlägt. Zusammen mit dem Abfallfehler ist die Amplitude einer der wichtigsten Hinweise darauf, ob ein mechanisches Werk gesund läuft.

Beide Werte klingen technisch, sind aber gut zu verstehen, wenn man sich die Unruh als Herzschlag der Uhr vorstellt. Ein kräftiger, gleichmäßiger Schlag spricht für ein fittes Werk; ein schwacher oder ungleichmäßiger deutet auf ein Problem. In diesem Artikel erklären wir dir, was Amplitude und Abfallfehler bedeuten, welche Werte als gut gelten und wie sie mit der Genauigkeit deiner Uhr zusammenhängen.

Was ist die Amplitude einer Uhr?

Die Unruh ist ein Rad, das an einer feinen Spiralfeder hängt und ständig hin- und herschwingt – bei den meisten modernen Uhren mehrere Male pro Sekunde. Die Amplitude beschreibt, wie weit die Unruh dabei aus ihrer Ruhelage ausschwingt, gemessen in Grad. Ein Wert von 300 Grad bedeutet, dass die Unruh von ihrer Mittellage aus fast eine volle Dreivierteldrehung in jede Richtung macht, bevor die Spiralfeder sie zurückzieht.

Je mehr Antriebsenergie sauber im Werk ankommt, desto weiter schwingt die Unruh. Deshalb ist die Amplitude ein so guter Gesundheitswert: Sie zeigt indirekt, ob die Zugfeder noch Kraft hat, ob die Schmierung frisch ist und ob die Kraftübertragung reibungsarm läuft. Gemessen wird sie mit einer Zeitwaage, die aus den Tickgeräuschen des Werks die Schwungweite errechnet.

Was gute Amplitudenwerte bedeuten

Eine pauschale „richtige" Amplitude gibt es nicht – der Wert hängt vom Kaliber, von der Lage und vom Aufzugszustand ab. Als grobe Orientierung dienen aber Richtwerte, die in der Praxis verbreitet sind. Wichtig: Das sind Anhaltspunkte, keine festen Normen.

Bereich (voll aufgezogen, flach) Grobe Deutung
etwa 270–315 Grad gesunder, kräftiger Schwung
deutlich unter 200 Grad schwacher Antrieb, oft Öl- oder Verschleißthema
über etwa 330 Grad zu viel Schwung, Gefahr des Anschlagens

Der untere Bereich ist das häufigere Alltagsproblem: Sinkt die Amplitude spürbar, altert meist das Öl oder ein Bauteil reibt. Zu hohe Amplitude ist seltener, aber ebenfalls unerwünscht – schwingt die Unruh zu weit, kann der Hebelstein an die falsche Stelle schlagen („Anschlagen" oder „Prellen"), was den Gang durcheinanderbringt.

Damit die gemessene Amplitude überhaupt stimmt, muss an der Zeitwaage der Hebewinkel des Kalibers hinterlegt sein. Ein falscher Hebewinkel liefert falsche Gradzahlen – ein Grund mehr, die Messung Fachleuten zu überlassen.

Warum die Amplitude schwankt

Es ist völlig normal, dass die Amplitude nicht konstant ist. Zwei Einflüsse sind besonders wichtig.

Erstens die Lage: Liegt die Uhr flach, schwingt die Unruh in der Regel weiter, als wenn die Uhr hochkant steht. In den senkrechten Lagen bremst die Reibung an den Unruhzapfen den Schwung etwas ab. Ein gewisser Unterschied zwischen flach und hochkant ist deshalb erwartbar und kein Mangel.

Zweitens der Aufzugszustand: Frisch aufgezogen hat die Zugfeder die meiste Kraft, und die Amplitude ist am höchsten. Läuft die Uhr über ihre Gangreserve ab, lässt die Federkraft nach und die Amplitude sinkt allmählich. Deshalb misst der Uhrmacher am aussagekräftigsten bei bekanntem Aufzugszustand, meist voll aufgezogen und dann noch einmal nach einigen Stunden.

Der Abfallfehler: Tick und Tack im Gleichtakt

Eine gesunde Unruh schwingt symmetrisch um ihre Ruhelage – gleich weit nach links wie nach rechts. Der Abfallfehler misst, wie gut das gelingt. Er beschreibt den zeitlichen Unterschied zwischen den beiden Hälften der Schwingung, also zwischen „Tick" und „Tack", und wird in Millisekunden angegeben.

Idealerweise liegt der Abfallfehler nahe null. Kleine Werte sind unkritisch; ein deutlich zu großer Abfallfehler kann dagegen dazu führen, dass die Uhr nach dem Anhalten nicht von selbst wieder anläuft, und er kostet unnötig Energie. Korrigieren lässt er sich, indem die Spiralfeder an ihrem Befestigungspunkt minimal gedreht wird, sodass die Unruh wieder mittig schwingt. Auch das ist Feinarbeit für die Werkbank.

Der schöne Nebeneffekt eines kleinen Abfallfehlers: Die Uhr startet zuverlässiger und nutzt die vorhandene Energie effizienter – was wiederum der Amplitude zugutekommt.

Zusammenhang mit der Ganggenauigkeit

Amplitude und Abfallfehler sagen für sich genommen noch nichts über die Sekunden pro Tag aus – aber sie bilden die Grundlage für einen stabilen Gang. Eine kräftige, gleichmäßige Amplitude bedeutet, dass die Unruh mit reichlich Energie und wenig Störeinflüssen schwingt. Das macht den Gang widerstandsfähiger gegen Lagenwechsel und kleine Erschütterungen.

Bricht die Amplitude ein, wird der Gang typischerweise unruhig und lageabhängig: Die Uhr geht mal vor, mal nach, je nachdem, wie sie liegt. Deshalb betrachten Uhrmacher nie nur die reine Ganggenauigkeit, sondern immer das Gesamtbild aus Gang, Amplitude und Abfallfehler. Eine Uhr, die genau läuft, aber schwach schwingt, ist ein Warnsignal – kein gutes Zeugnis.

Kurz gesagt: Die Amplitude ist die Ursache, die Genauigkeit die Wirkung. Wer nur an der Genauigkeit dreht, ohne die Schwungweite zu beachten, kuriert Symptome.

Was du selbst beurteilen kannst – und was nicht

Amplitude und Abfallfehler lassen sich ohne Zeitwaage nicht messen; dafür braucht es das Gerät und die Kenntnis des Hebewinkels. Was du aber gut selbst beobachten kannst, ist das Verhalten deiner Uhr im Alltag: Läuft sie nach einer Weile am Handgelenk zuverlässig weiter? Bleibt sie über die Gangreserve stabil? Startet sie nach dem Stillstand von selbst wieder an?

Fallen dir hier Veränderungen auf – die Uhr bleibt schneller stehen als früher oder läuft plötzlich sehr unregelmäßig –, ist das ein guter Anlass, sie beim Uhrmacher auf die Zeitwaage legen zu lassen. Die Messwerte übersetzen dann dein Alltagsgefühl in konkrete Zahlen.

Häufige Fragen

Was ist eine gute Amplitude bei einer Uhr?

Als grobe Orientierung gilt voll aufgezogen und flach ein Bereich von etwa 270 bis 315 Grad als gesund. Das ist aber ein Richtwert, kein fester Standard – der passende Wert hängt vom Kaliber, von der Lage und vom Aufzugszustand ab.

Ist eine höhere Amplitude immer besser?

Nein. Bis zu einem gewissen Punkt spricht viel Schwung für ein fittes Werk. Wird die Amplitude aber zu hoch, kann die Unruh „anschlagen", wodurch der Gang durcheinandergerät. Es geht also um den richtigen Bereich, nicht um das Maximum.

Was bedeutet ein hoher Abfallfehler?

Er zeigt, dass die Unruh nicht symmetrisch schwingt. Kleine Werte sind unkritisch, ein deutlich zu hoher Abfallfehler kann aber dazu führen, dass die Uhr nach dem Anhalten nicht von selbst wieder startet, und er verschwendet Energie.

Warum ändert sich die Amplitude über den Tag?

Vor allem wegen der nachlassenden Federkraft: Frisch aufgezogen ist die Amplitude am höchsten und sinkt, während die Gangreserve abläuft. Außerdem schwingt die Unruh flach liegend weiter als in senkrechten Lagen. Beides ist normal.

Kann ich Amplitude und Abfallfehler ohne Gerät messen?

Nein. Beide Werte liest man mit einer Zeitwaage aus, die zusätzlich den korrekten Hebewinkel des Werks benötigt. Du kannst aber das Verhalten deiner Uhr beobachten und Auffälligkeiten beim Uhrmacher ansprechen.

Hängen Amplitude und Ganggenauigkeit zusammen?

Ja, indirekt. Eine kräftige, gleichmäßige Amplitude macht den Gang stabiler und weniger lageabhängig. Bricht die Amplitude ein, wird die Uhr meist ungenau. Die Genauigkeit ist damit eher Folge als Ursache.

Recherchiert und geschrieben von der Redaktion von Uhren-Experte – unabhängig, werbefrei und ohne Marketing-Sprech.